der geruch von büchern.

wenn sie viel lesen, und das nicht nur am ebook-reader oder rechner, sondern auch analog, dann wissen sie, dass zeitungen, zeitschriften und bücher einen eigenen geruch haben. zeitungen riechen nach druckerschwärze und etwas stumpf, wohingegen zeitschriften leicht säuerlich riechen aufgrund des anderen papiers. und bei büchern ist die unterscheidung noch differenzierter, fast wie bei einem guten rotwein, der je nach alter ganz unterschiedlich riechen kann.

in meiner erinnerung ist der geruch von büchern in mehrere kategorien unterteilt:

  • der neue geruch – riecht nach eiern und nimmt einem irgendwie leicht den atem, weil es ein relativ scharfer geruch ist
  • der alte mief – riecht stumpf und erinnert an eine alte frau und samtene sofapolster
  • das neutrale buch – riecht nach papier und druckerschwärze und ist eher unauffällig
  • die ekelpakete – stinken nach rauch und sind verlebt wie eine ungepflegte tresenschlampe

und manche bücher aus kategorie eins und zwei erinnern mich an meine kindheit und das deutsche literaturarchiv (dla). das ist wie eine zeitreise zurück. dazu muss man wissen, dass meine mama in den unterirdischen magazinen des dla gearbeitet hat. wir haben damals nur fünf minuten fußweg entfernt gewohnt und ich hatte öfter mal meinen hausschlüssel nach der schule vergessen, also stiefelte ich als kleiner stepke dorthin, meldete mich am empfang und ließ mich in den „katakomben“ anmelden. dann machte ich mich auf den weg durch die lesesääle, an den studenten und sprachwissenschaftlern und forschern vorbei, und hoffte darauf, dass mir jemand die tür in die magazine zu den büchern, mama und dem hausschlüssel öffnete.

als normalsterblicher kommt man da sonst nicht so einfach hin. forscht oder studiert oder liest oder schreibt man im dla, dann kann mich sich in den sog. katalogen – damals noch analog, heute sicherlich digital – die bücher, die man benötigt heraussuchen und dann anfordern. theoretisch braucht man den schreibtisch also nicht zu verlassen. die anforderungen – damals noch handgeschrieben (wissenschaftler haben ein unfassbare sauklaue), heute sicherlich digital – wurden dann mittels eines bücheraufzuges in die magazine heruntergeschickt und dort von den damen (u.a. meine mutter und vier oder fünf kolleginnen) mit siebenmeilenstiefeln aus den regalen herausgesucht. dann wurden die bücher zusammen mit den schriftlichen anforderungen wieder in den bücheraufzug gelegt und nach oben an die bücherausgabe geschickt.

jetzt darf man sich diese magazine nicht vorstellen wie eine normale bibliothek. nein, die wände sind niedriger als in regulären räumen, alles ist unfassbar weitläufig einerseits, aber auch wahnsinnig eng andererseits. es hat konstante 18° celsius (um schimmel und ähnlichem vorzubeugen), die türen sind massive metallene brandschutztüren und grundsätzlich verschlossen zu halten. an den betonwänden entlang führen silberne rohre für irgendwas und ein – waaah, wie heißt sowas denn? – transportsystem aus einer schiene mit einem behältnis, das dann zwischen einzelnen abteilungen der magazine hin und her fuhr. die regale fahren auf schienen, mit drehkreuzen an den seiten, um platz zu sparen – d.h. möchte man an eine bestimmte regalreihe gelangen, bewegt man die bündig daneben stehenden regale mittels drehkreuz und schafft sich so einen durchgang.

damals (ich schreibe hier über eine zeit vor ca. 15 – 20 jahren, als ich noch grundschule und gymnasium besuchte) wurde noch unterschieden zwischen dem altbau und neubau sowie den alten magazinen und den neuen. heute sind wahrscheinlich die einen die sehr alten bereiche und die anderen die weniger alten bereiche. der altbau hatte dicke rostrote teppiche, die jedes geräusch verschluckten, und dunkelbraune, fast schwarze regale. die atmosphäre war fast plüschig und jeder verhielt sich unwillkürlich leise und vorsichtig. und hier roch man zum ersten mal, wenn man das gebäude betrat, die bücher: alles leicht muffelig, etwas staubig aber sehr gemütlich und gediegen. die perfekte arbeitsatmosphäre aus heutiger sicht: emsiges schweigen oder ein dezenter flüsterton. auch die alten magazine hatten teppichboden in rot und dunkle regale und eine sehr urige atmosphäre. der neubau und auch die neuen magazine hingegen waren in hellgrau und weiß gehalten. der teppichboden wurde ersetzt durch hellgrauen pvc (oder irgendwas ähnliches) die regale wurden weiß und alles war daraufhin ausgerichtet, die bücher vor schaden zu bewahren. hier war alles hellhöriger, moderner, etwas lauter – v.a. in den magazinen, wo die regale noch nicht mit büchern gefüllt waren, die jedes geräusch dämpfen. und überall konnte man die bücher riechen, in einer intensität, die ich faszinierend fand und die sich mir so ins gehirn eingebrannt hat, dass ein tweet genügt mich dorthin zurück zu versetzen.

die magazine sind übrigens mehrgeschossig und ruft man zur einen seite rein, dann hört einen auf der anderen seite garantiert niemand mehr. würde man vergessen werden, wäre es auch eher ungünstig, und wenn ich mit mama am ende des tages manchmal den schlüsseldienst machte, achtete ich schon sehr darauf, nicht irgendwo hinter einer brandschutztür vergessen zu werden. wenn sie sich einmal kurz dieses bild anschauen würden – da vorne quer das literaturmuseum der moderne, links mit der kuppel das schillermuseum und etwas hinter den bäumen in grau, verwinkelt und terrassenartig das literaturarchiv. überall dort finden sie bücher, oberirdisch und unterirdisch.

das regal, das ich als kind übrigens am tollsten fand, war das der edition suhrkamp (man kann hier erahnen, weshalb – klick).

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