hilflosigkeit an allen ecken und enden.

Vorwort: Frau Merkel versucht ein weinendes Mädchen zu trösten. Und es geht alles total schief. Hier bei der FAZ werden der Sachverhalt geschildert und das Video gezeigt. Darauf beziehe ich mich mit diesem Blogeintrag, der meine ganz persönliche Meinung wiederspiegelt.

tl;dr: Werdet menschlicher!

Die Bundeskanzlerin wird mit einem jungen Menschen konfrontiert, der direkt von ihrer bzw. der von uns demokratisch gewählten Flüchtlings- und Asylpolitik betroffen ist. Und die Kanzlerin ist mit der emotionalen Reaktion dieses Teenagermädchens komplett überfordert. In ihrer Hilflosigkeit geht sie hin und versucht sie zu trösten. Und eben weil sie hilflos ist, geht es so schief.

Aufgrund ihres Status lebt Frau Merkel in einem eng geflochtenen Protokoll. Da wird jegliche Art von Terminen nach einem bestimmten Schema abgespult, so dass möglichst alles reibungslos abläuft. Für Ausnahmen oder Gefühle bleibt da kein Platz. Dementsprechend wird niemand mit so einem emotionalen Ausbruch gerechnet haben. Ich persönlich gehe davon aus, dass die vorgeschriebene Reaktion „Contenance bewahren“ gewesen wäre, also „aussitzen und ignorieren“. Frau Merkel ist (vermutlich das erste Mal) aus diesem protokollarischen Korsett ausgebrochen und hat versucht, menschlich (sic!) zu sein und ein heulendes Mädchen zu beruhigen. Dies hat sie aus dem Rahmen ihres eigenen Erfahrungsschatzes heraus gemacht, daher wohl auch „du hast das hier doch prima gemacht“ statt „ich kann verstehen, dass dich deine Situation belastet.“ – aber sie hat es im Rahmen ihrer Möglichkeiten zumindest versucht.

Und ich wette mein letztes bisschen Geld, dass die Aufregung, die jetzt herrscht, noch größer gewesen wäre, wenn sie die Contenance bewahrt und gar nicht reagiert hätte! (Ich möchte euch nur in Erinnerung rufen, was damals los war, als eine gewisse Queen sich an das politische Protokoll hielt, nachdem ihre Ex-Schwiegertochter bei einem Autounfall verunglückt war, und gar nicht reagiert hat. Dass sie „unmenschlich“ sei, war da noch der harmloseste Vorwurf!)

Weshalb also jetzt diese Aufregung? Weil die Kanzlerin die falschen Worte gewählt hat? (Ja, hat sie tatsächlich.) Weil sie nicht genügend Empathie gezeigt hat? (Nein, hat sie nicht.) Kann man machen. Sollte man aber nicht. Denn: wie hättet ihr reagiert? Wärt ihr souverän geblieben? Oder hättet ihr – im Hinterkopf wohl wissend, wie es um unsere Asylpolitik bestellt ist – das Mädchen trösten können- oder wollen?

Wie hätte ich reagiert? Ich wäre – ganz ehrlich – ebenfalls hilflos gewesen und hätte nicht gewusst wohin mit mir. Im Bewusstsein, dass ich hier sicher und friedlich in meinem Heimatland leben darf und eine gute Zukunft habe, hätte ich nicht gewusst, womit ich dieses Mädchen hätte trösten sollen, ohne scheinheilig zu klingen. Ich war vor einigen Tagen schon überfordert als ich zwei jungen Flüchtlingen in einem verspäteten Zug nachts um halb 12 erklären wollte, dass sie den Anschlusszug auf jeden Fall erreichen, weil der wartet. Allerdings verstanden wir uns gegenseitig sprachlich bedingt nicht und nur beruhigend Lächeln ließ mich wohl eher wie eine Irre wirken als dass es wirklich beruhigt hat. Es blieb ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Eine Freundin von mir ist Sozialarbeiterin und arbeitet mit Flüchtlingskindern und -jugendlichen direkt nach deren Ankunft. Auch (oder gerade?) bei ihr, die viel Verständnis und Einfühlungsvermögen zeigt, sehe ich Hilflosigkeit. Sie weiß mit welchen Hoffnungen und Wünschen diese Kinder da sind und sie ahnt, welche Leiden diese jungen Menschen erlebt haben müssen. Aber helfen? Richtig nachhaltig helfen? Das ist kaum möglich. Das kann durchaus unterschiedliche Gründe haben:
1. das „System“, in dem sich diese armen Menschen bewegen (müssen);
2. die Flüchtlinge, die Menschen sind und sich nicht ein System halten können (oder wollen);
3. die Menschen, die Angst vor den Flüchtlingen haben, weil sie diese nicht kennen;
4. sicherlich noch ganz viel anderes,was ich nicht bedacht habe.

Es bleibt Hilflosigkeit bei allen beteiligten Parteien. Kaum jemand von uns ist darauf vorbereitet, dass Flüchtlinge bei uns Schutz suchen. Kaum jemand weiß, wie wir den daraus resultierenden Herausforderungen gerecht werden können. Frau Merkel weiß es nicht, die anderen Politiker auch nicht und wir, das Volk auch nicht. Wir können nur versuchen – Versuch macht klug!

Ich glaube deswegen, wenn wir nicht mehr so tun würden als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen und anerkennen können, dass jeder von uns ratlos vor diesem ganzen Tohuwabohu steht, dann können wir anderen gegenüber menschlicher werden! Wir könnten ihnen zugestehen ebenfalls hilflos zu sein. Wir könnten dann sehen, dass manche von uns lieber durch Geldspenden helfen, andere hingegen lieber praktisch arbeiten und wieder andere sich lieber heraushalten. Wieder andere haben zuviel Angst und verschanzen sich lieber, wohingegen manche gleich Tür und Tor öffnen. Wenn wir anerkennen könnten, dass wir einfach nur menschlich sind in unserer Ohnmacht und Hilflosigkeit, dann wäre schon viel gewonnen.

Und wir könnten sehen, dass Frau Merkel auch nur ein Mensch ist. Wie wir alle. (…und dass sie Sheldon Cooper gar nicht so unähnlich im Sozialverhalten ist! *hüstel*)


Dieser Artikel erscheint heute nicht im Rahmen des derzeitigen #NaBloPoMo, den @makellosmag für den Juli ausgerufen hat. Morgen wieder.

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