umzugswahnsinn, die zweite und letzte.

Da bin ich mal wieder an den eigenen Ansprüchen einer lückenlosen Dokumentation unserer (oder meiner) Umzugserlebnisse gescheitert.

Wir sind in Görlitz angekommen. Der Umzug war vergangenes Wochenende und unsere grandiosen Freunde begleiteten uns mit Auto, Schlafsack und tatkräftiger Hilfe quer durch Deutschland in unser neues Zuhause. Wir waren so gut vorbereitet, dass wir in knapp anderthalb Stunden alles eingeladen hatten. Die Fahrt verlief unspektakulär, abgesehen von einer größeren Baustelle kurz vor Dresden. Zu beklagen hatten wir am Ende tatsächlich nur den Billig-Wechselrahmen eines Bildes, das Bild selbst ist unversehrt. Die wichtigen Sachen sind hingegen alle unversehrt angekommen.

Unsere Küche haben wir gebraucht gekauft und in einer nicht vollständig zu Ende gedachten Aktion in Bautzen abgeholt – wer konnte auch ahnen, dass ein Einbaukühlschrank so schwer ist, dass ich und der Lieblingsmensch ihn nicht gemeinsam tragen können? (Antwort: ich. Aber auf mich hört ja keiner.)

Wir haben die Küche um ca. 1m Arbeitsfläche, eine Wasch- und eine Spülmaschine und eine neue Arbeitsplatte in Eigenarbeit erweitert. Und es sieht gut aus.

Wir haben die alte Wohnung vermietet, an eine von rund 200 Interessent*innen, die teilweise tatsächlich dachten, wir würden die Wohnung möbliert vermieten, so oft wurde geäußert, dass man die Wohnung mieten wolle, weil sie so gemütlich eingerichtet sei. Merke: nur Bilder in unmöbliertem Zustand veröffentlichen, das erspart einiges.

Bereits am Tag nach dem Umzug haben wir alle Möbel aufgebaut und es fehlt nur noch die Einräumerei, vor der ich mich etwas drumrum drücke. Stattdessen sitze ich im Wohnzimmer mit Kronleuchter, höre polnisches Radio (Schlager! Oldies! 90er! Ich bin im Himmel!) und schreibe so vor mich hin. Prioritäten setzen!

Demnächst dann auf diesem Kanal: erste Bilder und Eindrücke von Görlitz.

umzugswahnsinn, die erste.

Der Lieblingsmensch und ich ziehen um. So weit, so unspektakulär. Wir ziehen allerdings ins ca. 500km entfernte Görlitz an der polnischen Grenze (mit einer Stadthälfte in Polen – irre!). Das birgt einige logistische Herausforderungen wie „Wo kaufe ich eine neue Küche, wenn Person A noch in H und Person B bereits in GR wohnt, dabei das gemeinsame Zeitfenster ein Minimum ist und beiden die Küche gefallen soll?“ – aber vielleicht stellen wir uns ja auch einfach nur blöd an. Manchmal ist das so. Vor allem im Sommer.

Wer sich jetzt fragt, warum wir überhaupt und ausgerechnet von Hannover in den Osten ziehen, wo das jeder vermeintlich normale „vernünftige“ Mensch doch andersrum macht: naja, der Mann hat dort einen gut bezahlten Job gefunden (finde nur ich das ironisch?). Wir wollen zudem weder eine Fernbeziehung führen noch uns trennen, also ziehe ich mit um. Mein Job ist bereits gekündigt und Ende September mache ich mich auf den Weg an die Neiße. Das Ganze hat sich bereits Ende Juli ergeben und seit Montag wohnt und arbeitet der Lieblingsmensch jetzt in Görlitz. So schnell kann es gehen.

Die nächste Frage, die uns derzeit in diesem Zusammenhang gestellt wird: Ja, habt ihr denn schon eine Wohnung? Ja, haben wir. Der Mann wohnt seit vorgestern sogar schon drin. Und das bringt mich nun zu meinem eigentlichen Thema, das mich derzeit (neben der Küche) beschäftigt: Wohnungen, überall Wohnungen (oder auch nicht).

In Görlitz stehen ungefähr 40-50% der Wohnungen leer. Leerer geht es nicht. Ihr sucht eine Altbauwohnung mit Stuck, ca. 100m² Wohnfläche oder größer, Stäbchenparkett oder Dielenparkett, mit 4 oder 5 Zimmern und das für wenig Geld? Ab nach Görlitz. Nach Berlin benötigt man mit dem Auto auch nur 3 Stunden, es handelt sich also quasi um einen vorvorgelagerten Vorort. (Prag liegt mit 2 Stunden Fahrt übrigens deutlich näher – yay!) Die Preise dümpeln irgendwo zwischen drei und vierfuffich pro Quadratmeter, gefühlt und tatsächlich. Entsprechend lang war unsere Liste an zu besichtigenden Mietimmobilien als wir letzte Woche für 2 Tage in Görlitz waren.

Nun sollte man meinen, wenn derart viel Wohnungsleerstand vorherrscht, dass sich die Makler im Vorfeld um jeden möglichen oder unmöglichen Interessenten geradezu reißen. Ich bin ja so naiv manchmal. Die Exposés habe ich mir selbst erstellt, Mails wurden mir teilweise gar nicht beantwortet und überhaupt galt in unserem Fall scheinbar das Motto „Komm ich heut nicht, komm ich morgen.“ Manche kamen auch gar nicht. Am Ende schauten wir uns tatsächlich 16 Wohnungen in 2 Tagen bei 40° Grad im Schatten an. Und was soll ich sagen? 16 Besichtigungen sind das absolute Maximum, was ein Gehirn an Wohnungsinformationen verarbeiten kann. Selbst mit Notizen und Fotos als Gedächtnisstütze. Es gab ganz wundervolle Wohnungen und so ein paar durchschnittliche und eine ganz skurrile (mit einem Lederschallschutz an der Tür, der an ein Dominastudio erinnerte).

Auffallend waren in fast allen Häusern die breiten Tordurchfahrten in den jeweiligen Innenhof und die wunderschön gefliesten alten Treppenhäuser mit bunten Mustern und Verzierungen. Viele Häuser sind dort noch aus der Gründerzeit oder Jahrhundertwende und man merkt einfach, dass der zweite Weltkrieg dort weniger Schaden hinterlassen hat. Zumindest wirkte es so auf mich. Görlitz selbst ist wunderschön, an allen Ecken und Enden wird noch gebaut und restauriert, aber man kann deutlich sehen, wo die Reise in den letzten 20 Jahren hingegangen ist und wo sie noch hingehen wird. Gerade in der Altstadt schaut ein Haus hübscher aus als das andere. Aber auch der Kontrast von restauriertem Mehrfamilienhaus und direkt daneben von einem „Wir lassen das mal so!“-Haus hinterlässt einen bleibenden Eindruck. (Wir haben uns dann übrigens für eine Altbauwohnung in der Fußgängerzone entschieden, in welcher der Mann momentan mit Campingstuhl, Campingtisch und Luftmatratzenbett haust. Ohne Küche, aber immerhin mit sanitären Anlagen.)

So, und während ich die oberen Absätze schrub, besichtigten mehrere Menschen unsere jetzige Wohnung und ließen den Text „kalt“ werden, weswegen er nun auch abrupt endet. Weshalb mir jetzt aber noch nicht klar ist, ob den Wohnungsinteressenten klar ist, dass wir unsere Wohnung ohne Einrichtung vermieten, das erzähle ich dann morgen.

hoffnungsschimmer.

ich habe soeben eine kündigung geschrieben, meine entscheidung dem empfänger persönlich mitgeteilt und das geschriebene werk zugestellt. innerhalb von fünf minuten.

hätte ich gewusst, welche erleichterung mir das beschert, hätte ich das schon früher getan. im hintergrund zwitschern schon die feinen stimmchen, dass es jetzt mit dem geld richtig eng wird, dass ich mir nichts mehr leisten kann und dass ich jetzt wieder stärker von meinem partner abhängig bin. gut, dann soll es eben so. mit der situation und diesen stimmchen kann ich gut leben. mit einem job, in dem ich das gefühl habe, jemand sein zu müssen, der ich nicht bin, kann ich nicht leben. auch nicht mit wochenlangen bauch- und nackenschmerzen, weil ich versuche, etwas zu machen, was ich rein intellektuell und fachlich zwar kann, aber nicht möchte. nur um des geldes willen, ist es ein verdammt beschissener deal.

und ich hatte noch glück – die chefin hat mich super eingearbeitet, viel verständnis gezeigt und mir dabei noch viel beigebracht, fachlich und menschlich. sie ist mir in der kurzen zeit eine freundin geworden, die ich ungern enttäusche. die freundschaft werden wir ausbauen, die zusammenarbeit nicht. ich gehe also mit einer positiven bilanz aus der sache raus.

mir wird aber angst und bange, wenn ich mir vergegenwärtige, dass nicht alle arbeitnehmerinnen mit einem blauen auge davon kommen. die in einem ungeliebten job verharren müssen, weil die umstände es zwingend erforderlich machen. die aus angst, nichts neues zu finden, nicht kündigen. die keine alternativen haben. und ich frage mich, was mit ihrer psyche und ihrer seele geschieht und hoffe, dass diese stark sind und von kleinen gesten, liebevollen familien und fürsorglichen freunden aufgefangen werden.

 

der geruch von büchern.

wenn sie viel lesen, und das nicht nur am ebook-reader oder rechner, sondern auch analog, dann wissen sie, dass zeitungen, zeitschriften und bücher einen eigenen geruch haben. zeitungen riechen nach druckerschwärze und etwas stumpf, wohingegen zeitschriften leicht säuerlich riechen aufgrund des anderen papiers. und bei büchern ist die unterscheidung noch differenzierter, fast wie bei einem guten rotwein, der je nach alter ganz unterschiedlich riechen kann.

in meiner erinnerung ist der geruch von büchern in mehrere kategorien unterteilt:

  • der neue geruch – riecht nach eiern und nimmt einem irgendwie leicht den atem, weil es ein relativ scharfer geruch ist
  • der alte mief – riecht stumpf und erinnert an eine alte frau und samtene sofapolster
  • das neutrale buch – riecht nach papier und druckerschwärze und ist eher unauffällig
  • die ekelpakete – stinken nach rauch und sind verlebt wie eine ungepflegte tresenschlampe

und manche bücher aus kategorie eins und zwei erinnern mich an meine kindheit und das deutsche literaturarchiv (dla). das ist wie eine zeitreise zurück. dazu muss man wissen, dass meine mama in den unterirdischen magazinen des dla gearbeitet hat. wir haben damals nur fünf minuten fußweg entfernt gewohnt und ich hatte öfter mal meinen hausschlüssel nach der schule vergessen, also stiefelte ich als kleiner stepke dorthin, meldete mich am empfang und ließ mich in den „katakomben“ anmelden. dann machte ich mich auf den weg durch die lesesääle, an den studenten und sprachwissenschaftlern und forschern vorbei, und hoffte darauf, dass mir jemand die tür in die magazine zu den büchern, mama und dem hausschlüssel öffnete.

als normalsterblicher kommt man da sonst nicht so einfach hin. forscht oder studiert oder liest oder schreibt man im dla, dann kann mich sich in den sog. katalogen – damals noch analog, heute sicherlich digital – die bücher, die man benötigt heraussuchen und dann anfordern. theoretisch braucht man den schreibtisch also nicht zu verlassen. die anforderungen – damals noch handgeschrieben (wissenschaftler haben ein unfassbare sauklaue), heute sicherlich digital – wurden dann mittels eines bücheraufzuges in die magazine heruntergeschickt und dort von den damen (u.a. meine mutter und vier oder fünf kolleginnen) mit siebenmeilenstiefeln aus den regalen herausgesucht. dann wurden die bücher zusammen mit den schriftlichen anforderungen wieder in den bücheraufzug gelegt und nach oben an die bücherausgabe geschickt.

jetzt darf man sich diese magazine nicht vorstellen wie eine normale bibliothek. nein, die wände sind niedriger als in regulären räumen, alles ist unfassbar weitläufig einerseits, aber auch wahnsinnig eng andererseits. es hat konstante 18° celsius (um schimmel und ähnlichem vorzubeugen), die türen sind massive metallene brandschutztüren und grundsätzlich verschlossen zu halten. an den betonwänden entlang führen silberne rohre für irgendwas und ein – waaah, wie heißt sowas denn? – transportsystem aus einer schiene mit einem behältnis, das dann zwischen einzelnen abteilungen der magazine hin und her fuhr. die regale fahren auf schienen, mit drehkreuzen an den seiten, um platz zu sparen – d.h. möchte man an eine bestimmte regalreihe gelangen, bewegt man die bündig daneben stehenden regale mittels drehkreuz und schafft sich so einen durchgang.

damals (ich schreibe hier über eine zeit vor ca. 15 – 20 jahren, als ich noch grundschule und gymnasium besuchte) wurde noch unterschieden zwischen dem altbau und neubau sowie den alten magazinen und den neuen. heute sind wahrscheinlich die einen die sehr alten bereiche und die anderen die weniger alten bereiche. der altbau hatte dicke rostrote teppiche, die jedes geräusch verschluckten, und dunkelbraune, fast schwarze regale. die atmosphäre war fast plüschig und jeder verhielt sich unwillkürlich leise und vorsichtig. und hier roch man zum ersten mal, wenn man das gebäude betrat, die bücher: alles leicht muffelig, etwas staubig aber sehr gemütlich und gediegen. die perfekte arbeitsatmosphäre aus heutiger sicht: emsiges schweigen oder ein dezenter flüsterton. auch die alten magazine hatten teppichboden in rot und dunkle regale und eine sehr urige atmosphäre. der neubau und auch die neuen magazine hingegen waren in hellgrau und weiß gehalten. der teppichboden wurde ersetzt durch hellgrauen pvc (oder irgendwas ähnliches) die regale wurden weiß und alles war daraufhin ausgerichtet, die bücher vor schaden zu bewahren. hier war alles hellhöriger, moderner, etwas lauter – v.a. in den magazinen, wo die regale noch nicht mit büchern gefüllt waren, die jedes geräusch dämpfen. und überall konnte man die bücher riechen, in einer intensität, die ich faszinierend fand und die sich mir so ins gehirn eingebrannt hat, dass ein tweet genügt mich dorthin zurück zu versetzen.

die magazine sind übrigens mehrgeschossig und ruft man zur einen seite rein, dann hört einen auf der anderen seite garantiert niemand mehr. würde man vergessen werden, wäre es auch eher ungünstig, und wenn ich mit mama am ende des tages manchmal den schlüsseldienst machte, achtete ich schon sehr darauf, nicht irgendwo hinter einer brandschutztür vergessen zu werden. wenn sie sich einmal kurz dieses bild anschauen würden – da vorne quer das literaturmuseum der moderne, links mit der kuppel das schillermuseum und etwas hinter den bäumen in grau, verwinkelt und terrassenartig das literaturarchiv. überall dort finden sie bücher, oberirdisch und unterirdisch.

das regal, das ich als kind übrigens am tollsten fand, war das der edition suhrkamp (man kann hier erahnen, weshalb – klick).

über das fasten, bauchschmerzen und notwendigkeiten.

auf twitter wird derzeit viel darüber geschrieben, wer was wann wie viel und wie lange fastet. da ist von kaffee und fleisch sowie süßigkeiten die rede (die klassiker halt), aber auch grundsätzlich von coffein und zucker (für die fortgeschrittenen) sowie bei hartgesottenen von jeglicher nahrung. ich schrieb daraufhin als zuerst nicht ganz ernst gemeinte replik, dass ich dieses jahr den verzicht faste.

genau, lassen sie es sich einmal durch den kopf gehen: ich faste verzicht. das bedeutet schlichtweg, dass ich auf nichts verzichten will. ich habe keine lust mich diesem wahnsinn anzuschließen, der doch nur wieder im wer-fastet-mehr-länger-und-härter-als-alle-anderen-zusammen-schwanzvergleich daherkommt. es geht hier wie so oft in den social media um profilierung.

ich möchte allerdings auch deswegen nicht fasten, weil ich das gefühl habe, derzeit zwangsweise, also aufgrund der umstände, auf viel verzichten zu müssen.

da ist zum ersten der gesundheitliche aspekt: seit dem 4. advent, den ich in zahnärztlicher notbehandlung verbracht habe, habe ich in jeder woche des neuen jahres durchschnittlich drei stunden pro woche im zahnarztstuhl verbracht und gelitten. der eine zahn und die darauffolgende anamnese haben mich nervlich derart destabilisiert, dass ich noch min. ein 3/4 jahr was von dieser und den noch ausstehenden behandlungen haben werde.
zum zweiten gibt es da den beruflichen aspekt: ich sitze seit meinem studienabschluss fest. auf einer teilzeitstelle, die mich nicht ausfüllt und nicht genug zum leben einbringt. seit ich jetzt über kontakte im januar einen zweitjob angenommen habe, wache ich morgens grundsätzlich mit bauchschmerzen auf. er bringt mir geld, ist aber so weit von meiner studienrichtung und dem, was ich gerne machen würde, entfernt, dass ich das gefühl eines rückschrittes und das des verrats an mir selbst nicht abschütteln kann.
der dritte aspekt ist der emotionale: aufgrund der ersten beiden genannten aspekte bin ich derzeit in einem ständigen auf-und-ab von gefühlen. ich fühle mich zerbrechlich und innerlich wund. mein humor kommt mir abhanden, ich lache viel zu selten und meine geduld ist schneller am ende als mir und meiner umwelt lieb ist. und trotzdem muss ich weitermachen, weil – hilft ja alles nix. es sind eben notwendigkeiten.

es bleibt also derzeit das gefühl an mir hängen, dass ich gezwungenermaßen auf lebensqualität verzichte. nicht weil ich will, sondern weil ich sie aufgrund meiner derzeitigen probleme einbüße. würde ich fasten, würde ich mich selbst und das bisschen uneingeschränkte lebensqualität, das ich derzeit noch habe, weiter beschneiden und einschränken. und dazu fehlt mir momentan echt die kraft.